Orientierung
Hier finden Sie Beiträge, welche die Hintergründe unserer Arbeit und Verantwortung als Christen zu beleuchten versuchen.
Ökologische Gerechtigkeit und Humanökologie
Gekürzte Fassung eines Vortrages von Prof. Dr. Markus Vogt, LMU München, für die Tagung "Gerechtigkeit in einer endlichen Welt“ am Institut für Sozialethik der Universität Wien, Jänner 2012
Zum Text (6 Seiten)
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Die Materialismusfalle – Josef Riegler im Gespräch mit Jakob Ehrhardt
Lebensschutz nun mit vereinten Kräften
Im Vorjahr entstand die „Lebenskonferenz“, ein Zusammenschluss vieler Kirchen, Denominationen und gemeinnütziger Organisationen Österreichs, denen der Schutz des menschlichen Lebens ein besonderes Anliegen ist. Ein gemeinsames Auftreten in diesem gemeinsamen Anliegen in der Öffentlichkeit ist angelaufen.
Eine gute Übersicht über die Anliegen der Lebenskonferenz liefert die Darstellung von Dietrich Fischer-Doerl, die Sie hier finden.
Die heutige Situation ist grotesk: Überalterung der Gesellschaft in Österreich, Sorgen um die Pensionen einerseits, und hohe, aber noch nie genau erfasste Zahl der Abtreibungen sowie fehlende flankierende Maßnahmen der so genannten „Fristenlösung“ andererseits.
Eine fortschreitende Kultur des Todes?
Im Jänner 2012 wurde in einer internationalen Zeitschrift für Ethik in der Medizin ein Artikel unter dem Thema „Abtreibung nach der Geburt“ – after-birth abortion - veröffentlicht. Darin wird die Frage behandelt, ob nicht die Tötung von Babys in den ersten Tagen nach der Geburt freigegeben werden sollte, wenn nach der Geburt Gründe auftreten, die zur Abtreibung geführt hätten, wären sie vor der Geburt bekannt gewesen (The Journal of Medical Ethics, "After-birth abortion: why should the baby live?", 23. Feb. 2012, von Alberto Giubilini and Francesca Minerva).
ABSTRACT
Abortion is largely accepted even for reasons that do not have anything to do with the fetus' health. By showing that (1) both fetuses and newborns do not have the same moral status as actual persons, (2) the fact that both are potential persons is morally irrelevant and (3) adoption is not always in the best interest of actual people, the authors argue that what we call 'after-birth abortion' (killing a newborn) should be permissible in all the cases where abortion is, including cases where the newborn is not disabled. (den englischsprachigen Originalartikel finden Sie hier.)
Eine gute Übersicht über die Anliegen der Lebenskonferenz liefert die Darstellung von Dietrich Fischer-Doerl, die Sie hier finden.
Die heutige Situation ist grotesk: Überalterung der Gesellschaft in Österreich, Sorgen um die Pensionen einerseits, und hohe, aber noch nie genau erfasste Zahl der Abtreibungen sowie fehlende flankierende Maßnahmen der so genannten „Fristenlösung“ andererseits.
Eine fortschreitende Kultur des Todes?
Im Jänner 2012 wurde in einer internationalen Zeitschrift für Ethik in der Medizin ein Artikel unter dem Thema „Abtreibung nach der Geburt“ – after-birth abortion - veröffentlicht. Darin wird die Frage behandelt, ob nicht die Tötung von Babys in den ersten Tagen nach der Geburt freigegeben werden sollte, wenn nach der Geburt Gründe auftreten, die zur Abtreibung geführt hätten, wären sie vor der Geburt bekannt gewesen (The Journal of Medical Ethics, "After-birth abortion: why should the baby live?", 23. Feb. 2012, von Alberto Giubilini and Francesca Minerva).
ABSTRACT
Abortion is largely accepted even for reasons that do not have anything to do with the fetus' health. By showing that (1) both fetuses and newborns do not have the same moral status as actual persons, (2) the fact that both are potential persons is morally irrelevant and (3) adoption is not always in the best interest of actual people, the authors argue that what we call 'after-birth abortion' (killing a newborn) should be permissible in all the cases where abortion is, including cases where the newborn is not disabled. (den englischsprachigen Originalartikel finden Sie hier.)
Ein europäisches Tabu: Die weltweite Christenverfolgung
Ein europäisches Tabu: Die weltweite Christenverfolgung
01.01.2012 | 18:19 | HANS WINKLER (Die Presse)
Moderne Märtyrer. In der westlichen Öffentlichkeit ist das Schicksal der verfolgten Christen rund um den Erdball ein verdrängtes Thema.
Eine Wiener Pfarre unterstützt den katholischen Pfarrer Robert Jarjis in Bagdad. Nach dem verheerenden Anschlag auf eine Kirche am 30. Oktober 2010, bei dem 53 Menschen, darunter mehrere Priester ums Leben kamen, holte ihn sein Bischof vom Studium in Rom zurück. Bei seinem letzten Besuch in Wien verabschiedete sich Pfarrer Jarjis mit der Bemerkung, es werde wohl kein Wiedersehen geben. Ein katholischer Priester in Bagdad habe kein langes Leben vor sich.
Wenn man die systematische Entrechtung der Christen in Saudi-Arabien, dem Iran oder Pakistan für einen bedrückenden „Normalzustand“ nimmt, ist die Lage derzeit im Irak am schlimmsten. Der Irak gehört mittlerweile mit Afghanistan, Algerien und dem Nordsudan zu den Staaten, in denen sich die Situation der Christen in den letzten Jahren besonders dramatisch verschlechtert hat. Seit 2003 sind bereits zwei Drittel der seinerzeit mehr als eineinhalb Millionen Christen ausgewandert.
„Westliche Bildung ist Sünde“
In Nigeria hat mit der Einführung der Scharia in zwölf Bundesstaaten des Nordens eine Welle mörderischer Attacken gegen Christen eingesetzt. Sie werden von der Weltöffentlichkeit aber nur registriert, wenn sie ein so verheerendes Ausmaß erreichen wie die Anschläge auf mehrere Kirchen am Christtag in der vorigen Woche, bei denen 40 Menschen getötet wurden. Sie gehen auf das Konto der islamistischen Organisation Boko Haram. Der Name bedeutet: „Westliche Bildung ist Sünde“.
Wenn sich Christen zur Wehr setzen, wozu sie meistens ohnehin viel zu schwach sind, wird das als „Religionskonflikt“ dargestellt, an dem beide Seiten gleichermaßen Schuld hätten: Die „monotheistischen Religionen sind eben so“.
Die Anschläge in Nigeria haben sogar die sonst – was Christen betrifft – wenig sensible EU aufgeschreckt: Außenbeauftragte Catherine Ashton bekundete ihr Entsetzen. Auch US-Präsident Barack Obama und der UNO-Generalsekretär protestierten.
Besonders schlimm ist die Lage in Pakistan, wo der Zusammenbruch der staatlichen Strukturen auch die letzten Sicherheiten für die religiösen Minderheiten verschwinden lässt. Die Islamisierung des Landes schreitet fort, die berüchtigten „Blasphemie“-Gesetze werden besonders gegenüber Christen eingesetzt.
Das bekannteste Beispiel dafür ist Asia Bibi, die seit einem Jahr im Gefängnis sitzt, weil sie angeblich das Christentum verbreiten wollte und dadurch den Propheten beleidigt habe. Sie ist bereits physisch und psychisch schwer krank. Der (christliche) Minister für Minderheiten, Shabaz Bhatti, der sich gegen den Missbrauch des Blasphemievorwurfs eingesetzt hatte, wurde ermordet.
In rund 60 Staaten werden heute etwa 250 Millionen Christen wegen ihrer Religion verfolgt oder diskriminiert. Die Verfolger sind nicht immer die Staaten unmittelbar, sondern oft religiöse Warlords und fanatische Gruppen wie in Nigeria oder im indischen Bundesstaat Orissa, wo es 2007 und 2008 zu großen Pogromen gegen Christen durch radikale Hindu-Fundamentalisten gekommen ist. Sie genießen freilich oft die Unterstützung des Staates einfach dadurch, dass er die Täter gewähren lässt.
Verfolgung im Namen des Islam
Am schlimmsten steht es um die Christen in Nordkorea, die fast alle in Straflagern sitzen. Auch in der Volksrepublik China werden die Christen bedrängt, das kann aber die rasche Ausbreitung des Christentums nicht verhindern. Es gibt Schätzungen, nach denen sich in China an einem Sonntag mehr Menschen zu christlichen Gottesdiensten zusammenfinden als in ganz Westeuropa.
Die Tatsache, dass sich unter den Verfolgerstaaten 35 islamische befinden, kann man nicht einfach mit der bequemen Unterscheidung zwischen dem friedfertigen Islam und den gewalttätigen Islamisten wegwischen. In Staaten wie Pakistan, Saudi-Arabien oder Algerien findet die Verfolgung durch den Staat im Namen des Islam statt.
Der Islam kennt die westliche Unterscheidung von Staat und Gesellschaft, Religion und weltlicher Macht nicht wirklich. Der Einzelne ist nur dann vollberechtigter Träger von Rechten und Pflichten, wenn er der islamischen Gemeinschaft – der „Umma“ – angehört. Alle anderen Menschen sind Bürger zweiter Klasse, ein Hauptgrund für Diskriminierungen und Verfolgungen religiöser, gesellschaftlicher und beruflicher Art.
Das Blut der Märtyrer . . .
Aber selbst im Nahen Osten gibt es eine Umkehr der Verhältnisse: Während aus einem Land die Christen vertrieben werden, tauchen sie in anderen Ländern auf. Ausgerechnet in Saudi-Arabien, wo man das Christentum nicht einmal privat praktizieren darf, lebt eine Million philippinischer Katholiken als Gastarbeiter. Möglicherweise werden sie eines Tages zur Keimzelle einer neuen Blüte.
Es gehört zu den Paradoxa der Geschichte, dass der Zulauf zu christlichen Gemeinden auch in Verfolgerstaaten ungebrochen ist. Das scheint den altkirchlichen Satz zu bestätigen: „sanguis martyrum est semen christianorum“ – das Blut der Märtyrer ist der Samen für die neuen Christen.
Eigentümliche Zurückhaltung
In der westlichen Öffentlichkeit ist das Schicksal der verfolgten Christen rund um die Welt kein Thema. Auch die Kirchen selbst haben sich bis vor Kurzem in eigentümlicher Zurückhaltung geübt. Erst die zahlreichen Mordanschläge auf die Kopten und die beginnende Vertreibung der Christen aus Ägypten haben zu gemeinsamen Protesten der Kirchen in Wien geführt.
Die Christen selbst quälen sich mit der Frage nach dem Warum. In seiner Predigt am Stephanitag, dem Gedenktag für den ersten Märtyrer der Kirche, mahnte Erzbischof Christoph Schönborn die Christen „angesichts der eigenen Gewalthandlungen im Laufe der Geschichte“ zu Vorsicht im Urteil.
Oft würden Christen stellvertretend für den verhassten, weil überlegenen Westen genommen. Das trifft sicher auf Teile der islamischen Welt zu. Auch die Geschichte des Kolonialismus, der von „christlichen Ländern“ ausging, wird oft ins Treffen geführt.
Für den Nahen Osten und Ägypten kann das allerdings nicht gelten, denn das Christentum ist in all diesen Ländern älter als der Islam. Wenn die Al-Azhar-Universität in Kairo den Religionsdialog erst wieder aufnehmen will, nachdem sich der Papst für die Kreuzzüge entschuldigt hat, ist das ziemlich weit hergeholt.
„Vaterlandslose Gesellen“
Die Christen, namentlich die Katholiken, entziehen sich dem Totalitätsanspruch des Staates und sie verweigern sich der Vergötzung der Nation. Das macht sie zu „vaterlandslosen Gesellen“ – erst recht, wenn sie dann womöglich noch ihre höchste Autorität im Ausland haben.
Aber die Verfolgung gilt dem eigentlichen Kern des Glaubens, der Jesus selbst ist. „Weil er eine Provokation ist“, wie der Kardinal sagte, „die zur Entscheidung herausfordert und weil er uns an die Schuld erinnert“.
E-Mails an: debatte@diepresse.com © DiePresse.com
01.01.2012 | 18:19 | HANS WINKLER (Die Presse)
Moderne Märtyrer. In der westlichen Öffentlichkeit ist das Schicksal der verfolgten Christen rund um den Erdball ein verdrängtes Thema.
Eine Wiener Pfarre unterstützt den katholischen Pfarrer Robert Jarjis in Bagdad. Nach dem verheerenden Anschlag auf eine Kirche am 30. Oktober 2010, bei dem 53 Menschen, darunter mehrere Priester ums Leben kamen, holte ihn sein Bischof vom Studium in Rom zurück. Bei seinem letzten Besuch in Wien verabschiedete sich Pfarrer Jarjis mit der Bemerkung, es werde wohl kein Wiedersehen geben. Ein katholischer Priester in Bagdad habe kein langes Leben vor sich.
Wenn man die systematische Entrechtung der Christen in Saudi-Arabien, dem Iran oder Pakistan für einen bedrückenden „Normalzustand“ nimmt, ist die Lage derzeit im Irak am schlimmsten. Der Irak gehört mittlerweile mit Afghanistan, Algerien und dem Nordsudan zu den Staaten, in denen sich die Situation der Christen in den letzten Jahren besonders dramatisch verschlechtert hat. Seit 2003 sind bereits zwei Drittel der seinerzeit mehr als eineinhalb Millionen Christen ausgewandert.
„Westliche Bildung ist Sünde“
In Nigeria hat mit der Einführung der Scharia in zwölf Bundesstaaten des Nordens eine Welle mörderischer Attacken gegen Christen eingesetzt. Sie werden von der Weltöffentlichkeit aber nur registriert, wenn sie ein so verheerendes Ausmaß erreichen wie die Anschläge auf mehrere Kirchen am Christtag in der vorigen Woche, bei denen 40 Menschen getötet wurden. Sie gehen auf das Konto der islamistischen Organisation Boko Haram. Der Name bedeutet: „Westliche Bildung ist Sünde“.
Wenn sich Christen zur Wehr setzen, wozu sie meistens ohnehin viel zu schwach sind, wird das als „Religionskonflikt“ dargestellt, an dem beide Seiten gleichermaßen Schuld hätten: Die „monotheistischen Religionen sind eben so“.
Die Anschläge in Nigeria haben sogar die sonst – was Christen betrifft – wenig sensible EU aufgeschreckt: Außenbeauftragte Catherine Ashton bekundete ihr Entsetzen. Auch US-Präsident Barack Obama und der UNO-Generalsekretär protestierten.
Besonders schlimm ist die Lage in Pakistan, wo der Zusammenbruch der staatlichen Strukturen auch die letzten Sicherheiten für die religiösen Minderheiten verschwinden lässt. Die Islamisierung des Landes schreitet fort, die berüchtigten „Blasphemie“-Gesetze werden besonders gegenüber Christen eingesetzt.
Das bekannteste Beispiel dafür ist Asia Bibi, die seit einem Jahr im Gefängnis sitzt, weil sie angeblich das Christentum verbreiten wollte und dadurch den Propheten beleidigt habe. Sie ist bereits physisch und psychisch schwer krank. Der (christliche) Minister für Minderheiten, Shabaz Bhatti, der sich gegen den Missbrauch des Blasphemievorwurfs eingesetzt hatte, wurde ermordet.
In rund 60 Staaten werden heute etwa 250 Millionen Christen wegen ihrer Religion verfolgt oder diskriminiert. Die Verfolger sind nicht immer die Staaten unmittelbar, sondern oft religiöse Warlords und fanatische Gruppen wie in Nigeria oder im indischen Bundesstaat Orissa, wo es 2007 und 2008 zu großen Pogromen gegen Christen durch radikale Hindu-Fundamentalisten gekommen ist. Sie genießen freilich oft die Unterstützung des Staates einfach dadurch, dass er die Täter gewähren lässt.
Verfolgung im Namen des Islam
Am schlimmsten steht es um die Christen in Nordkorea, die fast alle in Straflagern sitzen. Auch in der Volksrepublik China werden die Christen bedrängt, das kann aber die rasche Ausbreitung des Christentums nicht verhindern. Es gibt Schätzungen, nach denen sich in China an einem Sonntag mehr Menschen zu christlichen Gottesdiensten zusammenfinden als in ganz Westeuropa.
Die Tatsache, dass sich unter den Verfolgerstaaten 35 islamische befinden, kann man nicht einfach mit der bequemen Unterscheidung zwischen dem friedfertigen Islam und den gewalttätigen Islamisten wegwischen. In Staaten wie Pakistan, Saudi-Arabien oder Algerien findet die Verfolgung durch den Staat im Namen des Islam statt.
Der Islam kennt die westliche Unterscheidung von Staat und Gesellschaft, Religion und weltlicher Macht nicht wirklich. Der Einzelne ist nur dann vollberechtigter Träger von Rechten und Pflichten, wenn er der islamischen Gemeinschaft – der „Umma“ – angehört. Alle anderen Menschen sind Bürger zweiter Klasse, ein Hauptgrund für Diskriminierungen und Verfolgungen religiöser, gesellschaftlicher und beruflicher Art.
Das Blut der Märtyrer . . .
Aber selbst im Nahen Osten gibt es eine Umkehr der Verhältnisse: Während aus einem Land die Christen vertrieben werden, tauchen sie in anderen Ländern auf. Ausgerechnet in Saudi-Arabien, wo man das Christentum nicht einmal privat praktizieren darf, lebt eine Million philippinischer Katholiken als Gastarbeiter. Möglicherweise werden sie eines Tages zur Keimzelle einer neuen Blüte.
Es gehört zu den Paradoxa der Geschichte, dass der Zulauf zu christlichen Gemeinden auch in Verfolgerstaaten ungebrochen ist. Das scheint den altkirchlichen Satz zu bestätigen: „sanguis martyrum est semen christianorum“ – das Blut der Märtyrer ist der Samen für die neuen Christen.
Eigentümliche Zurückhaltung
In der westlichen Öffentlichkeit ist das Schicksal der verfolgten Christen rund um die Welt kein Thema. Auch die Kirchen selbst haben sich bis vor Kurzem in eigentümlicher Zurückhaltung geübt. Erst die zahlreichen Mordanschläge auf die Kopten und die beginnende Vertreibung der Christen aus Ägypten haben zu gemeinsamen Protesten der Kirchen in Wien geführt.
Die Christen selbst quälen sich mit der Frage nach dem Warum. In seiner Predigt am Stephanitag, dem Gedenktag für den ersten Märtyrer der Kirche, mahnte Erzbischof Christoph Schönborn die Christen „angesichts der eigenen Gewalthandlungen im Laufe der Geschichte“ zu Vorsicht im Urteil.
Oft würden Christen stellvertretend für den verhassten, weil überlegenen Westen genommen. Das trifft sicher auf Teile der islamischen Welt zu. Auch die Geschichte des Kolonialismus, der von „christlichen Ländern“ ausging, wird oft ins Treffen geführt.
Für den Nahen Osten und Ägypten kann das allerdings nicht gelten, denn das Christentum ist in all diesen Ländern älter als der Islam. Wenn die Al-Azhar-Universität in Kairo den Religionsdialog erst wieder aufnehmen will, nachdem sich der Papst für die Kreuzzüge entschuldigt hat, ist das ziemlich weit hergeholt.
„Vaterlandslose Gesellen“
Die Christen, namentlich die Katholiken, entziehen sich dem Totalitätsanspruch des Staates und sie verweigern sich der Vergötzung der Nation. Das macht sie zu „vaterlandslosen Gesellen“ – erst recht, wenn sie dann womöglich noch ihre höchste Autorität im Ausland haben.
Aber die Verfolgung gilt dem eigentlichen Kern des Glaubens, der Jesus selbst ist. „Weil er eine Provokation ist“, wie der Kardinal sagte, „die zur Entscheidung herausfordert und weil er uns an die Schuld erinnert“.
E-Mails an: debatte@diepresse.com © DiePresse.com
Die Krise und wir – Versuche der Auseinandersetzung
Der „Weg der Versöhnung” beschäftigte sich im April 2009 in St. Gilgen mit aktuellen Themen. Das Forum „Gesellschaftsverantwortung” brachte drei Vorträge in die Tagung ein:
· Kurt Igler, ThM: „Geld ist kein guter Diener”
· Mag. Gloria Buttinger: „Wirtschaftskrise – Woher – Warum – Wohin?”
· Dr. Hans-Peter Lang: „Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die so genannte Dritte Welt”, gezeigt vor allem an Hand des Videos „Momentaufnahme”.
Kurt Igler verwies eingangs auf das biblische Verständnis von Besitz und Geld, um dann auf die Sündhaftigkeit des Menschen zu verweisen: den Missbrauch und die Zweckentfremdung all des Guten, das die Welt für ihn bereit hält. Geld kann und soll genutzt werden, aber es darf im Leben nicht zu einem Götzen werden. Woran hängt mein Herz? – das bleibt die Kernfrage. Der Vortrag schloss mit dem Zitat aus 1Tim 6,1: Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden… (Weiter: Zusammenfassung des Vortrags)
Gloria Buttinger berichtete zuerst von den Voraussetzungen, die zur gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise führten, weiters von den riesigen Summen, die von den einzelnen Staaten aufgewendet wurden, um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Es wird die Frage sein, wie die hohen daraus resultierenden Schulden der Staaten in den nächsten Jahren abgebaut werden. Aus ihrer Sicht ist derzeit keine grundsätzliche Umorientierung im wirtschaftlichen Denken zu erkennen. (Weiter: Zusammenfassung des Vortrags)
Hans-Peter Lang zeigte die DVD „Momentaufnahme” zur sozialen und ökologischen Lage der Welt (näheres siehe die gleichnamige Homepage bzw. hier). In eindrucksvollen Bildern werden die Ernährungsgrundlagen im ländlichen Raum in den Ländern des Südens gezeigt, aber auch das Elend vieler der dortigen Großstädte und ihre Müllberge. Es wird festgestellt, dass die Erde genug Güter für alle bereithält, aber zu wenig für die Gier einiger.
Im Anschluss an die Vorführung der DVD wurde auf Grund der Veröffentlichungen diverser internationaler Organisationen auf die gewaltigen finanziellen Auswirkungen der laufenden Wirtschaftskrise hingewiesen, welche die schon meist sehr hoch verschuldeten Staaten der so genannten 3.Welt zusätzlich treffen.(Weiter: Zusammenfassung des Vortrags)
· Kurt Igler, ThM: „Geld ist kein guter Diener”
· Mag. Gloria Buttinger: „Wirtschaftskrise – Woher – Warum – Wohin?”
· Dr. Hans-Peter Lang: „Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die so genannte Dritte Welt”, gezeigt vor allem an Hand des Videos „Momentaufnahme”.
Kurt Igler verwies eingangs auf das biblische Verständnis von Besitz und Geld, um dann auf die Sündhaftigkeit des Menschen zu verweisen: den Missbrauch und die Zweckentfremdung all des Guten, das die Welt für ihn bereit hält. Geld kann und soll genutzt werden, aber es darf im Leben nicht zu einem Götzen werden. Woran hängt mein Herz? – das bleibt die Kernfrage. Der Vortrag schloss mit dem Zitat aus 1Tim 6,1: Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden… (Weiter: Zusammenfassung des Vortrags)
Gloria Buttinger berichtete zuerst von den Voraussetzungen, die zur gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise führten, weiters von den riesigen Summen, die von den einzelnen Staaten aufgewendet wurden, um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Es wird die Frage sein, wie die hohen daraus resultierenden Schulden der Staaten in den nächsten Jahren abgebaut werden. Aus ihrer Sicht ist derzeit keine grundsätzliche Umorientierung im wirtschaftlichen Denken zu erkennen. (Weiter: Zusammenfassung des Vortrags)
Hans-Peter Lang zeigte die DVD „Momentaufnahme” zur sozialen und ökologischen Lage der Welt (näheres siehe die gleichnamige Homepage bzw. hier). In eindrucksvollen Bildern werden die Ernährungsgrundlagen im ländlichen Raum in den Ländern des Südens gezeigt, aber auch das Elend vieler der dortigen Großstädte und ihre Müllberge. Es wird festgestellt, dass die Erde genug Güter für alle bereithält, aber zu wenig für die Gier einiger.
Im Anschluss an die Vorführung der DVD wurde auf Grund der Veröffentlichungen diverser internationaler Organisationen auf die gewaltigen finanziellen Auswirkungen der laufenden Wirtschaftskrise hingewiesen, welche die schon meist sehr hoch verschuldeten Staaten der so genannten 3.Welt zusätzlich treffen.(Weiter: Zusammenfassung des Vortrags)
Geld – Diener oder Herr?
Geld – Diener oder Herr?
Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr:
Vom biblischen Umgang mit Geld und Besitz
Kurt Igler
Money makes a good servant, but a bad master. (Francis Bacon)
Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. (Jesus, Mt 6,24)
Der rechte Umgang von Christen mit Geld und Besitz setzt zunächst ein rechtes biblisch-theologisches Verständnis der Güter dieser Welt und der Erfindung des Geldes voraus. Und hier ist als Erstes zu sagen: Als Gabe des Schöpfers müssen die Güter dieser Welt zunächst vorbehaltlos als gut angesehen werden (vgl. 1Tim 4,4 EIN: Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird). Gott hat dem Menschen einen Lebens-Raum bereitet, und er hat ihm die Güter dieser Welt zur Nutznießung in Demut und Dankbarkeit zur Verfügung gestellt.
Nun gibt es freilich das bekannte „Verteilungsproblem“ der Güter dieser Welt, und davor noch die wesentliche Frage, wem die Güter eigentlich gehören. Aus schöpfungstheologischer Sicht, die Güte Gottes gegen alle Menschen bedenkend, wie auch die Gleichheit des Menschen vor Gott in seiner Gottesähnlichkeit, muss der Schluss gezogen werden, dass die Güter der Welt grundsätzlich dem menschlichen Geschlecht zur Verfügung stehen, nicht bloß einem Teil der Menschheit unter Ausschluss des anderen Teils. Menschen den Zugang zu den Gütern dieser Welt, zur Teilhabe an diesen, zu verwehren, widerspricht den guten Absichten Gottes, der seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten, und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45).
So viel zum ganz Grundsätzlichen – wir wollen später noch konkreter werden. Geld hat nun zunächst die Funktion, die Verteilung der Güter zu erleichtern, und muss unter diesem primären Aspekt wiederum gänzlich positiv bewertet werden. Es wurde angesichts der Probleme, die der Tauschhandel mit sich bringt, eingeführt als ein Drittes, ein Tauschmittel, auf dessen Tauschkraft sich die Handelspartner einigten – eine Bedingung dafür war seine kontrollierte Herstellung und Herausgabe. Nun war es auch leichter, sich auf die Produktion dessen zu konzentrieren, wo persönliche und umstandsbedingte Stärken liegen (Arbeitsteilung). Die „Erfindung“ des Geldes bescherte also dem Handel und dadurch dem allgemeinen Wohlstand einen ungeahnten Aufschwung: Geld ist ein überaus geeignetes Mittel zu Wohlstandsvermehrung.
Bislang haben wir ein durch und durch positives Bild von Geld, Gütern und Handel gezeichnet. Besteht der christliche Beitrag zum Wirtschaftsleben also lediglich in einer pauschalen „Absegnung“, einem generellen Gutheißen des wirtschaftlichen Handelns des Menschen?
Keineswegs – denn es ist eben das wirtschaftliche Handeln des Menschen! Und damit sind die Probleme schon impliziert. Denn der Umgang des Menschen mit Geld und Besitz ist gezeichnet von jenem Grundproblem des Menschen, dem Verhängnis und dem Schuldzusammenhang, in dem er sich in dieser Welt immer befindet, kurz: der Sünde. Der Mensch missbraucht und zweckentfremdet all das Gute, das diese Welt für ihn bereithält. Er wirkt zerstörerisch, er schadet sich und anderen – und im Wirtschaftsleben sind speziell die Möglichkeiten, anderen zu schaden, immens.
Nur stichpunktartig seien diese Möglichkeiten angedeutet: übermäßige Ausbeutung der Ressourcen, Zerstörung der Umwelt, Verschwendung, schädliche Arbeitsbedingungen, Versklavung, ungerechte Entlohnung, Betrug, Übervorteilung, Erpressung, Untreue, Raub, Diebstahl, minderwertige Ware, überhöhte Preise, Zinswucher, Monopolbildung, …
Was ist aus biblisch-christlicher Sicht dazu zu sagen?
Zunächst: So positiv die Bibel die Güter dieser Welt beurteilt, so sehr sie den Menschen dazu ermächtigt, sich die Erde zunutze zu machen („Kulturauftrag“, s. 1Mo 2,15), und so sehr sie auch das persönliche Eigentum schützt (das siebte Gebot: Du sollst nicht stehlen!), so wenig gesteht sie dem Menschen willkürliche Verfügungsgewalt über sein Eigentum zu. Die Güter dieser Welt sind dem Menschen anvertraut, zur Verfügung gestellt, und er ist rechenschaftspflichtiger Verwalter. Gott ist Herr der Schöpfung und Herr des Menschen, und so hat es der Mensch in seinem Umgang mit der Schöpfung, ihren Gütern, und dem Mitmenschen immer auch mit Gott selbst zu tun. Dieser Verantwortlichkeit kann er sich nicht entziehen, er kann sie höchstens zu seinem und zum Schaden seiner Umgebung ignorieren.
Als Besitzender bin ich, so lehrt Jesus, dem Nächsten gegenüber verpflichtet (vgl. die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus, Lk 16,19-31). In jener Geschichte ist nicht der Reichtum an sich das Problem, sondern dass der Reiche seine Verpflichtung gegenüber dem Armen vor seiner Tür nicht wahrnehmen wollte. Die katholische Soziallehre redet entsprechend von einer „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“, einer ethischen Verpflichtung der Besitzenden gegenüber den Mittellosen.
Viele konkrete Schlussfolgerungen für den Umgang mit Geld und Besitz könnte man schon aus diesen wenigen Prinzipien ziehen, aber es ist hier nicht der Raum dafür. Es wird allerdings aus der Art und Weise, wie die Bibel das Problem des Umgangs mit den Gütern der Welt anspricht, vor allem eines deutlich: Es kann auch bei unserer Behandlung des Themas nicht in erster Linie darum gehen, bestimmte wirtschaftliche Systeme zu verurteilen und andere zu empfehlen oder gar als die Lösung des Dilemmas anzusehen. Das sollte uns auch die Geschichte lehren, dass die Not des Menschen nicht in erster Linie darin besteht, dass er durch ausbeuterische, unterdrückerische Systeme sich selbst entfremdet ist, und dass eine Revolution der Verhältnisse schon den neuen Menschen hervorbringen könnte. Denn das angesprochene tiefste Problem, die Sündhaftigkeit des Menschen, und zwar jedes einzelnen wirtschaftlichen Akteurs, ist damit in keiner Weise gelöst.
In diesem Wissen gibt die Bibel, das Wort Gottes, keine allgemeinen Belehrungen über den Zustand der Welt und deren Verbesserung, sondern setzt ganz persönlich an: „Du bist der Mensch!“ Der Einzelne wird angesprochen und herausgefordert. Und wiederum, im Wissen um das Wesen des Menschen, wird auch tiefer gedrungen als nur bis zum gerechten oder ungerechten Tun des Einzelnen. Die Bibel spricht unsere tiefsten Haltungen und Einstellungen an, unser Innerstes, das, was in biblischer Sprache das „Herz“ genannt wird (1Tim 6,10 EIN: Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet). Und Jesus selbst sagt die folgenden Worte: Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon (Mt 6,24 EIN).
Die Loyalität von Christen muss klar, ungeteilt sein. Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr! Es kann und soll genutzt werden, aber man darf dadurch nicht korrumpiert werden. Es darf im Leben keinen zu großen Stellenwert bekommen, und schon gar nicht zum Götzen, zum Lebensinhalt, zum Lebensziel, werden. Christen sollen nach Paulus „haben, als ob sie nicht hätten“, müssen loslassen können, eine innere Distanz zum Besitz bewahren, und ihr Vertrauen nicht auf die Güter, sondern auf Gott setzen.
Wenn diese Grundhaltung stimmt, wird der Mensch befreit zum rechten, richtigen Umgang mit Vermögen. Dann kann er auch dieser „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“ gerecht werden und in rechter Verwalterschaft mit und nach seinem Vermögen dem Nächsten dienen.
Das bedeutet nicht, dass es im wirtschaftlichen Leben immer nur auf den Einzelnen ankommt. Es gibt in der Tat ungerechte Systeme und Mechanismen, sozusagen „strukturelle Sünde“, institutionalisierte Ungerechtigkeit. Auch hier haben Christen eine Verantwortung, sind gerufen, sich für die Veränderung der Verhältnisse einzusetzen. Aber es ist nicht immer leicht, zu erkennen, wo Strukturen ungerecht werden, wo die Grenze zwischen Recht und Unrecht überschritten ist. Und auch hinter solchen Strukturen stecken Menschen, die sie geschaffen haben, die sie erhalten wollen, die durch sie profitieren. Streng genommen sind nicht Strukturen sündig, sondern sie sind von sündigen Menschen erdachte Mechanismen, um dem eigenen Vorteil zu dienen. Und sie können auch nur beseitigt werden, wenn ihre Schöpfer und/oder Erhalter zur Veränderung bewegt werden.
Für den individuellen Umgang von Christen mit ihrem Geld und Vermögen ist es unmöglich, genaue Anleitungen zu geben – jeder ist damit Gott und seinem Gewissen gegenüber verantwortlich, und was für den einen möglich und richtig ist, muss es nicht für den anderen sein, zu verschieden sind Lebenssituationen, Umstände und Verhältnisse. Dennoch sollen einige Fragen an den Schluss gestellt werden, die dazu helfen können, den persönlichen Umgang mit dem Besitz zu überprüfen und eventuell zu ändern:
Ein Pauluszitat sei ans Ende gestellt: 1 Tim 6,1 EIN: Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen.
Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr:
Vom biblischen Umgang mit Geld und Besitz
Kurt Igler
Money makes a good servant, but a bad master. (Francis Bacon)
Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. (Jesus, Mt 6,24)
Der rechte Umgang von Christen mit Geld und Besitz setzt zunächst ein rechtes biblisch-theologisches Verständnis der Güter dieser Welt und der Erfindung des Geldes voraus. Und hier ist als Erstes zu sagen: Als Gabe des Schöpfers müssen die Güter dieser Welt zunächst vorbehaltlos als gut angesehen werden (vgl. 1Tim 4,4 EIN: Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird). Gott hat dem Menschen einen Lebens-Raum bereitet, und er hat ihm die Güter dieser Welt zur Nutznießung in Demut und Dankbarkeit zur Verfügung gestellt.
Nun gibt es freilich das bekannte „Verteilungsproblem“ der Güter dieser Welt, und davor noch die wesentliche Frage, wem die Güter eigentlich gehören. Aus schöpfungstheologischer Sicht, die Güte Gottes gegen alle Menschen bedenkend, wie auch die Gleichheit des Menschen vor Gott in seiner Gottesähnlichkeit, muss der Schluss gezogen werden, dass die Güter der Welt grundsätzlich dem menschlichen Geschlecht zur Verfügung stehen, nicht bloß einem Teil der Menschheit unter Ausschluss des anderen Teils. Menschen den Zugang zu den Gütern dieser Welt, zur Teilhabe an diesen, zu verwehren, widerspricht den guten Absichten Gottes, der seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten, und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45).
So viel zum ganz Grundsätzlichen – wir wollen später noch konkreter werden. Geld hat nun zunächst die Funktion, die Verteilung der Güter zu erleichtern, und muss unter diesem primären Aspekt wiederum gänzlich positiv bewertet werden. Es wurde angesichts der Probleme, die der Tauschhandel mit sich bringt, eingeführt als ein Drittes, ein Tauschmittel, auf dessen Tauschkraft sich die Handelspartner einigten – eine Bedingung dafür war seine kontrollierte Herstellung und Herausgabe. Nun war es auch leichter, sich auf die Produktion dessen zu konzentrieren, wo persönliche und umstandsbedingte Stärken liegen (Arbeitsteilung). Die „Erfindung“ des Geldes bescherte also dem Handel und dadurch dem allgemeinen Wohlstand einen ungeahnten Aufschwung: Geld ist ein überaus geeignetes Mittel zu Wohlstandsvermehrung.
Bislang haben wir ein durch und durch positives Bild von Geld, Gütern und Handel gezeichnet. Besteht der christliche Beitrag zum Wirtschaftsleben also lediglich in einer pauschalen „Absegnung“, einem generellen Gutheißen des wirtschaftlichen Handelns des Menschen?
Keineswegs – denn es ist eben das wirtschaftliche Handeln des Menschen! Und damit sind die Probleme schon impliziert. Denn der Umgang des Menschen mit Geld und Besitz ist gezeichnet von jenem Grundproblem des Menschen, dem Verhängnis und dem Schuldzusammenhang, in dem er sich in dieser Welt immer befindet, kurz: der Sünde. Der Mensch missbraucht und zweckentfremdet all das Gute, das diese Welt für ihn bereithält. Er wirkt zerstörerisch, er schadet sich und anderen – und im Wirtschaftsleben sind speziell die Möglichkeiten, anderen zu schaden, immens.
Nur stichpunktartig seien diese Möglichkeiten angedeutet: übermäßige Ausbeutung der Ressourcen, Zerstörung der Umwelt, Verschwendung, schädliche Arbeitsbedingungen, Versklavung, ungerechte Entlohnung, Betrug, Übervorteilung, Erpressung, Untreue, Raub, Diebstahl, minderwertige Ware, überhöhte Preise, Zinswucher, Monopolbildung, …
Was ist aus biblisch-christlicher Sicht dazu zu sagen?
Zunächst: So positiv die Bibel die Güter dieser Welt beurteilt, so sehr sie den Menschen dazu ermächtigt, sich die Erde zunutze zu machen („Kulturauftrag“, s. 1Mo 2,15), und so sehr sie auch das persönliche Eigentum schützt (das siebte Gebot: Du sollst nicht stehlen!), so wenig gesteht sie dem Menschen willkürliche Verfügungsgewalt über sein Eigentum zu. Die Güter dieser Welt sind dem Menschen anvertraut, zur Verfügung gestellt, und er ist rechenschaftspflichtiger Verwalter. Gott ist Herr der Schöpfung und Herr des Menschen, und so hat es der Mensch in seinem Umgang mit der Schöpfung, ihren Gütern, und dem Mitmenschen immer auch mit Gott selbst zu tun. Dieser Verantwortlichkeit kann er sich nicht entziehen, er kann sie höchstens zu seinem und zum Schaden seiner Umgebung ignorieren.
Als Besitzender bin ich, so lehrt Jesus, dem Nächsten gegenüber verpflichtet (vgl. die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus, Lk 16,19-31). In jener Geschichte ist nicht der Reichtum an sich das Problem, sondern dass der Reiche seine Verpflichtung gegenüber dem Armen vor seiner Tür nicht wahrnehmen wollte. Die katholische Soziallehre redet entsprechend von einer „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“, einer ethischen Verpflichtung der Besitzenden gegenüber den Mittellosen.
Viele konkrete Schlussfolgerungen für den Umgang mit Geld und Besitz könnte man schon aus diesen wenigen Prinzipien ziehen, aber es ist hier nicht der Raum dafür. Es wird allerdings aus der Art und Weise, wie die Bibel das Problem des Umgangs mit den Gütern der Welt anspricht, vor allem eines deutlich: Es kann auch bei unserer Behandlung des Themas nicht in erster Linie darum gehen, bestimmte wirtschaftliche Systeme zu verurteilen und andere zu empfehlen oder gar als die Lösung des Dilemmas anzusehen. Das sollte uns auch die Geschichte lehren, dass die Not des Menschen nicht in erster Linie darin besteht, dass er durch ausbeuterische, unterdrückerische Systeme sich selbst entfremdet ist, und dass eine Revolution der Verhältnisse schon den neuen Menschen hervorbringen könnte. Denn das angesprochene tiefste Problem, die Sündhaftigkeit des Menschen, und zwar jedes einzelnen wirtschaftlichen Akteurs, ist damit in keiner Weise gelöst.
In diesem Wissen gibt die Bibel, das Wort Gottes, keine allgemeinen Belehrungen über den Zustand der Welt und deren Verbesserung, sondern setzt ganz persönlich an: „Du bist der Mensch!“ Der Einzelne wird angesprochen und herausgefordert. Und wiederum, im Wissen um das Wesen des Menschen, wird auch tiefer gedrungen als nur bis zum gerechten oder ungerechten Tun des Einzelnen. Die Bibel spricht unsere tiefsten Haltungen und Einstellungen an, unser Innerstes, das, was in biblischer Sprache das „Herz“ genannt wird (1Tim 6,10 EIN: Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet). Und Jesus selbst sagt die folgenden Worte: Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon (Mt 6,24 EIN).
Die Loyalität von Christen muss klar, ungeteilt sein. Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr! Es kann und soll genutzt werden, aber man darf dadurch nicht korrumpiert werden. Es darf im Leben keinen zu großen Stellenwert bekommen, und schon gar nicht zum Götzen, zum Lebensinhalt, zum Lebensziel, werden. Christen sollen nach Paulus „haben, als ob sie nicht hätten“, müssen loslassen können, eine innere Distanz zum Besitz bewahren, und ihr Vertrauen nicht auf die Güter, sondern auf Gott setzen.
Wenn diese Grundhaltung stimmt, wird der Mensch befreit zum rechten, richtigen Umgang mit Vermögen. Dann kann er auch dieser „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“ gerecht werden und in rechter Verwalterschaft mit und nach seinem Vermögen dem Nächsten dienen.
Das bedeutet nicht, dass es im wirtschaftlichen Leben immer nur auf den Einzelnen ankommt. Es gibt in der Tat ungerechte Systeme und Mechanismen, sozusagen „strukturelle Sünde“, institutionalisierte Ungerechtigkeit. Auch hier haben Christen eine Verantwortung, sind gerufen, sich für die Veränderung der Verhältnisse einzusetzen. Aber es ist nicht immer leicht, zu erkennen, wo Strukturen ungerecht werden, wo die Grenze zwischen Recht und Unrecht überschritten ist. Und auch hinter solchen Strukturen stecken Menschen, die sie geschaffen haben, die sie erhalten wollen, die durch sie profitieren. Streng genommen sind nicht Strukturen sündig, sondern sie sind von sündigen Menschen erdachte Mechanismen, um dem eigenen Vorteil zu dienen. Und sie können auch nur beseitigt werden, wenn ihre Schöpfer und/oder Erhalter zur Veränderung bewegt werden.
Für den individuellen Umgang von Christen mit ihrem Geld und Vermögen ist es unmöglich, genaue Anleitungen zu geben – jeder ist damit Gott und seinem Gewissen gegenüber verantwortlich, und was für den einen möglich und richtig ist, muss es nicht für den anderen sein, zu verschieden sind Lebenssituationen, Umstände und Verhältnisse. Dennoch sollen einige Fragen an den Schluss gestellt werden, die dazu helfen können, den persönlichen Umgang mit dem Besitz zu überprüfen und eventuell zu ändern:
- Gehe ich verantwortlich/bescheiden/angemessen mit dem Vermögen um, das mir anvertraut ist?
- Freue ich mich über das „Vermögen“, mit meinen Mitteln Gutes zu tun?
- Stimmt die Relation meiner Ausgaben für Grundbedürfnisse (Ernährung, Unterkunft, Kleidung)
- Kultur, Freizeit, Medien
- Auto, Urlaub, Luxusartikel
- Wohltätigkeit, Mission?
- Und vor allem und zuletzt: Woran hängt mein Herz, wem vertraue ich, wem diene ich, wofür lebe ich?
Ein Pauluszitat sei ans Ende gestellt: 1 Tim 6,1 EIN: Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen.
Wirtschaftskrise
Wirtschaftskrise – Woher-Warum-Wohin?
Gloria Buttinger
Die uns derzeit beschäftigende Wirtschaftskrise kam nicht so überraschend, wie es vielen erschien. Sie hatte seit den 80er Jahren schon viele Vorgänger. Neu ist allerdings, dass sie sich nicht auf einen Staat oder eine Region beschränkt, sondern die gesamte Weltwirtschaft betrifft.
Die Voraussetzungen für die Wiederholung einer weltweiten Wirtschaftskrise schufen die Änderungen vor allem im Bereich des Finanzwirtschaftssystems seit den 70er Jahren. Das feste Wechselkurssystem nach Bretton Woods wurde abgeschafft und damit hohe Gewinne und Risiken mit Währungsspekulationen ermöglicht. Gleichzeitig wurde durch die Aufgabe der Kapitalverkehrskontrolle den Staaten die Möglichkeit entzogen, auf die Zu- und Abflüsse von Kapital Einfluss zu nehmen. Gleichzeitig erhöhte sich das Kapital, das institutionellen Anlegern wie Banken, Versicherungen, Pensionsfonds, Hedge-Fonds, Private Equity Fonds u.ä. zum Investieren zur Verfügung stand von 1980 bis 2005 um nahezu das 20-Fache. Ziel dieser Fonds wurde es immer mehr, möglichst hohe Renditen zu erwirtschaften, die wesentlich über den von der Realwirtschaft zu erwirtschaftenden ca. fünf Prozent lagen. Sie investierten daher nicht mehr in Aktien um eine Dividende zu erhalten, sondern zielten auf kurzfristige Wertsteigerungen von Aktien und spekulative Finanzgeschäfte ab. Spekulative Finanzgeschäfte entwickelten sich zum Hauptumsatz an den Börsen und koppelten sich immer mehr von der Realwirtschaft ab.
Die Krise des US-amerikanischen Immobilienmarktes 2007 blieb deshalb nicht auf die USA beschränkt, weil die US-Banken ihre risikoreichen Kredite durch Verkauf an Investmentagenturen und ihre Umgestaltung in hochkomplexe Anleihe- und Fondsprodukte auf Anleger in der ganzen Welt verteilt hatten. Viele Banken hatten plötzlich hohe Abschreibungen für nahezu wertlose Papiere und Kredite vorzunehmen, was auch die eigentlichen Bankaktien an den Börsen abstürzen ließ. Da nicht genau abzusehen war, wer welches Risiko hatte, wie kreditwürdig einzelne Bankunternehmen noch waren usw., kam es nahezu zum Erliegen des Zwischenbankverkehrs und damit auch zu einer Krise für die Realwirtschaft, die auf Kredite von den Banken zur Finanzierung des laufenden Geschäfts angewiesen sind. Die Krise bei den Banken führte zu einer Abwärtsspirale auf den Aktienmärkten, die sich auch auf andere Branchen ausweitete.
Die Krise auf den Aktienmärkten und Kapitalmärkten hatte schlussendlich eine starke Auswirkung auf die Realwirtschaft, da Firmen große Schwierigkeiten hatten Finanzmittel zu bekommen, und damit die Investitionen zurückgingen bzw. auch Aufträge nicht abgewickelt werden konnten. Da unser gesamtes Wirtschaftssystem auf Wachstum und in den letzten Jahren immer mehr auf STARKES Wachstum ausgelegt ist, wurden bei einem rückläufigen Wachstum natürlich sofort auch alle Produktionskapazitäten zurückgefahren. Auch hier setze sich eine Abwärtsspirale in Gang.
Von den einzelnen Staaten, allen voran den USA, wurden riesige Summen an Kapital und Kapitalgarantien aufgebracht, um einen völligen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Die steigenden Arbeitslosenzahlen und Sozialausgaben sowie der Rückgang der Staatseinnahmen durch sinkende Lohnnebenkosten und Steuereinnahmen erhöhen die Staatsdefizite zusätzlich.
Zukunftsszenarien sind verschiedene möglich. Was sicher kommt, ist, dass die meisten Staaten nach dieser Krise mit hohen Defiziten zu kämpfen haben werden, die finanziert werden müssen. Auf welche Weise man diese Beträge in Zukunft finanzieren wird, wird bald zur Diskussion stehen.
Am unwahrscheinlichsten erscheint mir derzeit ein Zukunftsszenario, in dem es gelingt ein gerechtes Wirtschaftssystem aufzubauen, in dem die Schere zwischen den Entwicklungsländern und den Industrienationen sowie auch zwischen den Reichen und Armen in den einzelnen Staaten nicht weiter auseinander geht, sondern kleiner wird. Die am G20-Gipfel im März beschlossenen Maßnahmen zur Überwachung der Finanzmärkte reichen dazu sicher nicht aus, und es gibt wesentliche Kräfte, die an mehr nicht interessiert sind.
Auch wenn das Finanzsystem etwas stärker reguliert wird, aber es zu keiner grundsätzlichen Umorientierung im wirtschaftlichen Denken kommt, werden die Folgen auf lange Sicht dieselben sein wie mit geringerer Regulierung, nur vielleicht nicht so stark und so schnell kommen. Diese Krise wird zwar vielleicht überwunden werden, aber die nächsten werden folgen. Irgendwann werden dann auch einzelne Staaten am Ende ihres Finanzrahmens angekommen sein und nicht einmal ihre Kernkompetenzen an staatlicher Ordnung mehr wahrnehmen können.
Man könnte eine Vielzahl an düsteren Prognosen treffen, aber dies soll nicht unser Ziel sein, obwohl wir für die Zeichen unsere Zeit nicht blind sein sollen. Als Christen brauchen wir uns nicht zu fürchten. Aber unsere eindeutige Aufgabe ist es, für unser Land und unsere Regierungen zu beten sowie an dem Platz an dem wir stehen, Gottes Reich zu bauen und seine Gerechtigkeit sichtbar zu machen.
Gloria Buttinger
Die uns derzeit beschäftigende Wirtschaftskrise kam nicht so überraschend, wie es vielen erschien. Sie hatte seit den 80er Jahren schon viele Vorgänger. Neu ist allerdings, dass sie sich nicht auf einen Staat oder eine Region beschränkt, sondern die gesamte Weltwirtschaft betrifft.
Die Voraussetzungen für die Wiederholung einer weltweiten Wirtschaftskrise schufen die Änderungen vor allem im Bereich des Finanzwirtschaftssystems seit den 70er Jahren. Das feste Wechselkurssystem nach Bretton Woods wurde abgeschafft und damit hohe Gewinne und Risiken mit Währungsspekulationen ermöglicht. Gleichzeitig wurde durch die Aufgabe der Kapitalverkehrskontrolle den Staaten die Möglichkeit entzogen, auf die Zu- und Abflüsse von Kapital Einfluss zu nehmen. Gleichzeitig erhöhte sich das Kapital, das institutionellen Anlegern wie Banken, Versicherungen, Pensionsfonds, Hedge-Fonds, Private Equity Fonds u.ä. zum Investieren zur Verfügung stand von 1980 bis 2005 um nahezu das 20-Fache. Ziel dieser Fonds wurde es immer mehr, möglichst hohe Renditen zu erwirtschaften, die wesentlich über den von der Realwirtschaft zu erwirtschaftenden ca. fünf Prozent lagen. Sie investierten daher nicht mehr in Aktien um eine Dividende zu erhalten, sondern zielten auf kurzfristige Wertsteigerungen von Aktien und spekulative Finanzgeschäfte ab. Spekulative Finanzgeschäfte entwickelten sich zum Hauptumsatz an den Börsen und koppelten sich immer mehr von der Realwirtschaft ab.
Die Krise des US-amerikanischen Immobilienmarktes 2007 blieb deshalb nicht auf die USA beschränkt, weil die US-Banken ihre risikoreichen Kredite durch Verkauf an Investmentagenturen und ihre Umgestaltung in hochkomplexe Anleihe- und Fondsprodukte auf Anleger in der ganzen Welt verteilt hatten. Viele Banken hatten plötzlich hohe Abschreibungen für nahezu wertlose Papiere und Kredite vorzunehmen, was auch die eigentlichen Bankaktien an den Börsen abstürzen ließ. Da nicht genau abzusehen war, wer welches Risiko hatte, wie kreditwürdig einzelne Bankunternehmen noch waren usw., kam es nahezu zum Erliegen des Zwischenbankverkehrs und damit auch zu einer Krise für die Realwirtschaft, die auf Kredite von den Banken zur Finanzierung des laufenden Geschäfts angewiesen sind. Die Krise bei den Banken führte zu einer Abwärtsspirale auf den Aktienmärkten, die sich auch auf andere Branchen ausweitete.
Die Krise auf den Aktienmärkten und Kapitalmärkten hatte schlussendlich eine starke Auswirkung auf die Realwirtschaft, da Firmen große Schwierigkeiten hatten Finanzmittel zu bekommen, und damit die Investitionen zurückgingen bzw. auch Aufträge nicht abgewickelt werden konnten. Da unser gesamtes Wirtschaftssystem auf Wachstum und in den letzten Jahren immer mehr auf STARKES Wachstum ausgelegt ist, wurden bei einem rückläufigen Wachstum natürlich sofort auch alle Produktionskapazitäten zurückgefahren. Auch hier setze sich eine Abwärtsspirale in Gang.
Von den einzelnen Staaten, allen voran den USA, wurden riesige Summen an Kapital und Kapitalgarantien aufgebracht, um einen völligen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Die steigenden Arbeitslosenzahlen und Sozialausgaben sowie der Rückgang der Staatseinnahmen durch sinkende Lohnnebenkosten und Steuereinnahmen erhöhen die Staatsdefizite zusätzlich.
Zukunftsszenarien sind verschiedene möglich. Was sicher kommt, ist, dass die meisten Staaten nach dieser Krise mit hohen Defiziten zu kämpfen haben werden, die finanziert werden müssen. Auf welche Weise man diese Beträge in Zukunft finanzieren wird, wird bald zur Diskussion stehen.
Am unwahrscheinlichsten erscheint mir derzeit ein Zukunftsszenario, in dem es gelingt ein gerechtes Wirtschaftssystem aufzubauen, in dem die Schere zwischen den Entwicklungsländern und den Industrienationen sowie auch zwischen den Reichen und Armen in den einzelnen Staaten nicht weiter auseinander geht, sondern kleiner wird. Die am G20-Gipfel im März beschlossenen Maßnahmen zur Überwachung der Finanzmärkte reichen dazu sicher nicht aus, und es gibt wesentliche Kräfte, die an mehr nicht interessiert sind.
Auch wenn das Finanzsystem etwas stärker reguliert wird, aber es zu keiner grundsätzlichen Umorientierung im wirtschaftlichen Denken kommt, werden die Folgen auf lange Sicht dieselben sein wie mit geringerer Regulierung, nur vielleicht nicht so stark und so schnell kommen. Diese Krise wird zwar vielleicht überwunden werden, aber die nächsten werden folgen. Irgendwann werden dann auch einzelne Staaten am Ende ihres Finanzrahmens angekommen sein und nicht einmal ihre Kernkompetenzen an staatlicher Ordnung mehr wahrnehmen können.
Man könnte eine Vielzahl an düsteren Prognosen treffen, aber dies soll nicht unser Ziel sein, obwohl wir für die Zeichen unsere Zeit nicht blind sein sollen. Als Christen brauchen wir uns nicht zu fürchten. Aber unsere eindeutige Aufgabe ist es, für unser Land und unsere Regierungen zu beten sowie an dem Platz an dem wir stehen, Gottes Reich zu bauen und seine Gerechtigkeit sichtbar zu machen.
"Europa oder der Tod!"
"Europa oder der Tod!"
antwortete der Mann aus Algerien auf die Frage, ob er nicht besser zurückgehen wolle, als er vor sechs Meter hohen Stacheldrahtzäunen stand, die die „Festung Europa“ in Ceuta (spanische Enklave auf dem Festland Marokkos) vor illegalen Einwanderern absichern soll (Milborn 2006:41).
“In Algerien gibt es nichts, nichts, nichts. Bevor ich zurückgehe, sterbe ich! Ich will arbeiten, eine Familie gründen, eine kleine Wohnung haben und genug zu essen. Sonst nichts. … Das schwöre ich – für mich heißt es: Europa – oder der Tod!”
Mit dieser oder einer ähnlichen Einstellung machen sich jährlich tausende von Menschen aus Krisengebieten dieser Welt auf, um ein neues Leben in Europa zu suchen. Wenn sie die gefährliche Reise überleben, beginnt für sie ein sehr langer Weg auf der Suche nach Asyl und einer neuen Heimat.
Österreich hat schon eine lange Tradition als Einwanderungsland. Jährlich werden nach wie vor zwischen 15.000 und 25.000 neue Asylanträge gestellt. Durch zunehmende Krisenherde, aber auch durch den Klimawandel, bewegen sich ganze Flüchtlingsströme nach Europa.
Laut Angaben von UNHCR befanden sich Ende 2005 20,8 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, und das Innenministerium in Libyen schätzt, dass „zwei Millionen Afrikaner aus den Ländern südlich der Sahara auf die Überfahrt [nach Europa, P.B.] warten“, schreibt Milborn (:24). So ist die Flüchtlingsthematik nahezu ein alltägliches Thema in den europäischen Medien und eine Polarisierung in der Gesellschaft nimmt stark zu. Auch politische Parteien heizen die Angst vor Überfremdung oder Islamisierung an.
Auf der anderen Seite aber sagen selbst Politiker, „dass eine wachsende Wirtschaft, ein starker Tourismus und sichere Pensionen ohne Zuwanderung in Zukunft nicht zu gewährleisten sind“ (LH-Stv. von Tirol Fr. Zanon in der TT am 30.11.2007).
Für den Flüchtling selbst bedeutet der Weg, im Westen eine neue Lebensgrundlage zu finden, eine weitere menschliche Tragödie, denn eine restriktive Ausländerpolitik, gesellschaftliche Polarisierung und Anzeichen von Ausländerfeindlichkeit nehmen immer mehr zu. Die Würde, als von Gott geschaffene Menschen leben zu können, finden Flüchtlinge nur äußerst selten im christlichen Abendland.
Wo aber stehen die Christen, die dem Wort Gottes verpflichtet leben möchten, bei dieser gesellschaftlichen Herausforderung? Wie reagieren christliche Gemeinden in Österreich auf diese humanitäre Katastrophe in unserer unmittelbaren Nachbarschaft? Ist es ein Auftrag Gottes, hier aktiv zu sein, oder lenkt uns diese bodenlose Not und Ohnmacht von unserem eigentlichen Auftrag ab? Kann ich oder eine Gemeinschaft überhaupt etwas tun?
Mit freundlicher Genehmigung aus der Abschlussarbeit von Peter F. Biber „Flüchtlingsströme – diakonischer Auftrag am Beispiel der Evangelikalen in Tirol“, durchgeführt am Institut für Gemeindebau und Weltmission (IGW), Josefstr. 206, CH 8005 Zürich, Schweiz. Kontakt: peter.biber@iteams.at
Literaturzitat aus: Milborn, Corinna: Gestürmte Festung Europa – Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto – Das Schwarzbuch. Wien-Graz-Klagenfurt: Styria-Verlag, 2006.

“In Algerien gibt es nichts, nichts, nichts. Bevor ich zurückgehe, sterbe ich! Ich will arbeiten, eine Familie gründen, eine kleine Wohnung haben und genug zu essen. Sonst nichts. … Das schwöre ich – für mich heißt es: Europa – oder der Tod!”
Mit dieser oder einer ähnlichen Einstellung machen sich jährlich tausende von Menschen aus Krisengebieten dieser Welt auf, um ein neues Leben in Europa zu suchen. Wenn sie die gefährliche Reise überleben, beginnt für sie ein sehr langer Weg auf der Suche nach Asyl und einer neuen Heimat.
Österreich hat schon eine lange Tradition als Einwanderungsland. Jährlich werden nach wie vor zwischen 15.000 und 25.000 neue Asylanträge gestellt. Durch zunehmende Krisenherde, aber auch durch den Klimawandel, bewegen sich ganze Flüchtlingsströme nach Europa.
Laut Angaben von UNHCR befanden sich Ende 2005 20,8 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, und das Innenministerium in Libyen schätzt, dass „zwei Millionen Afrikaner aus den Ländern südlich der Sahara auf die Überfahrt [nach Europa, P.B.] warten“, schreibt Milborn (:24). So ist die Flüchtlingsthematik nahezu ein alltägliches Thema in den europäischen Medien und eine Polarisierung in der Gesellschaft nimmt stark zu. Auch politische Parteien heizen die Angst vor Überfremdung oder Islamisierung an.
Auf der anderen Seite aber sagen selbst Politiker, „dass eine wachsende Wirtschaft, ein starker Tourismus und sichere Pensionen ohne Zuwanderung in Zukunft nicht zu gewährleisten sind“ (LH-Stv. von Tirol Fr. Zanon in der TT am 30.11.2007).
Für den Flüchtling selbst bedeutet der Weg, im Westen eine neue Lebensgrundlage zu finden, eine weitere menschliche Tragödie, denn eine restriktive Ausländerpolitik, gesellschaftliche Polarisierung und Anzeichen von Ausländerfeindlichkeit nehmen immer mehr zu. Die Würde, als von Gott geschaffene Menschen leben zu können, finden Flüchtlinge nur äußerst selten im christlichen Abendland.
Wo aber stehen die Christen, die dem Wort Gottes verpflichtet leben möchten, bei dieser gesellschaftlichen Herausforderung? Wie reagieren christliche Gemeinden in Österreich auf diese humanitäre Katastrophe in unserer unmittelbaren Nachbarschaft? Ist es ein Auftrag Gottes, hier aktiv zu sein, oder lenkt uns diese bodenlose Not und Ohnmacht von unserem eigentlichen Auftrag ab? Kann ich oder eine Gemeinschaft überhaupt etwas tun?
Mit freundlicher Genehmigung aus der Abschlussarbeit von Peter F. Biber „Flüchtlingsströme – diakonischer Auftrag am Beispiel der Evangelikalen in Tirol“, durchgeführt am Institut für Gemeindebau und Weltmission (IGW), Josefstr. 206, CH 8005 Zürich, Schweiz. Kontakt: peter.biber@iteams.at
Literaturzitat aus: Milborn, Corinna: Gestürmte Festung Europa – Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto – Das Schwarzbuch. Wien-Graz-Klagenfurt: Styria-Verlag, 2006.
Auszug aus der Lausanner Verpflichtung (1974)
Soziale Verantwortung der Christen
Wir bekräftigen, dass Gott zugleich Schöpfer und Richter aller Menschen ist. Wir müssen deshalb Seine Sorge um Gerechtigkeit und Versöhnung in der ganzen menschlichen Gesellschaft teilen. Sie zielt auf die Befreiung der Menschen von jeder Art von Unterdrückung. Da die Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, besitzt jedermann, ungeachtet seiner Rasse, Religion, Farbe, Kultur, Klasse, seines Geschlechts oder Alters, eine angeborene Würde. Darum soll er nicht ausgebeutet, sondern anerkannt und gefördert werden.
Wir tun Buße für dieses unser Versäumnis und dafür, dass wir manchmal Evangelisation und soziale Verantwortung als sich gegenseitig ausschließend angesehen haben. Versöhnung zwischen Menschen ist nicht gleichzeitig Versöhnung mit Gott, soziale Aktion ist nicht Evangelisation, politische Befreiung ist nicht Heil.
Dennoch bekräftigen wir, dass Evangelisation und soziale wie politische Betätigung gleichermaßen zu unserer Pflicht als Christen gehören. Denn beide sind notwendige Ausdrucksformen unserer Lehre von Gott und dem Menschen, unserer Liebe zum Nächsten und unserem Gehorsam gegenüber Jesus Christus. Die Botschaft des Heils schließt eine Botschaft des Gerichts über jede Form der Entfremdung, Unterdrückung und Diskriminierung ein. Wir sollen uns nicht scheuen, Bosheit und Unrecht anzuprangern, wo immer sie existieren. Wenn Menschen Christus annehmen, kommen sie durch Wiedergeburt in Sein Reich. Sie müssen versuchen, Seine Gerechtigkeit nicht nur darzustellen, sondern sie inmitten einer ungerechten Welt auch auszubreiten.
Das Heil, das wir für uns beanspruchen, soll uns in unserer gesamten persönlichen und sozialen Verantwortung verändern. Glaube ohne Werke ist tot.
Entnommen aus:
Die Lausanner Verpflichtung, Pkt.5. Lausanner Bewegung Deutschland.
Den gesamten Text der Lausanner Verpflichtung können Sie hier herunterladen.